ArtikelElia am Horeb
VerfasserHelmut und Renate Richter
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Elia am Horeb

Für das Gespräch über die Gottesbegegnung des Elia am Horeb in 1. Könige 19:1–18 werden Informationen und Fragen zusammengestellt.

Hintergrund und Zusammenhänge

Die Geschichte spielt zur Zeit des Ahab, der 874–853 v.Chr. König von Israel war, also des Nordreichs nach der Reichsteilung. Über Ahab wird in Kap. 16:31–33 zusammenfassend vor allem berichtet, dass er Isebel, eine heidnische Prinzessin aus Sidon und glühende Verehrerin des Gottes Baal, zur Frau nahm und Kultstätten des Baal baute und erneuerte, vor allem einen Altar im Baalstempel in Samaria. Treibende Kraft bei allem war Isebel, von der fast beiläufig erwähnt wird, sie habe die Propheten des Herrn ausgerottet (Kap. 18:4). Auch in unserer Geschichte ist sie es, die gegen Elia vorgeht, während sich Ahab darauf beschränkt, Elia bei seiner Frau anzuschwärzen, nachdem er vorher anscheinend noch ganz friedlich mit ihm gesprochen hat. Auch später wird sie diejenige sein, die ihre Pläne vorantreibt und im Namen des passiv bleibenden Ahab handelt.

Anders als er es später sagen wird, war Elia wohl nicht ganz allein: er hatte nach dem Gottesurteil auf dem Karmel (Kap. 18) die Baalspropheten töten lassen, hatte also Verbündete, und auch jetzt wagt sich Isebel nicht unmittelbar an ihn heran, sondern versucht mit Erfolg, ihn in die Flucht zu treiben, und er flieht bis in den Süden von Juda, also weit außerhalb von Ahabs Reich. Am Ende unseres Textes (Vers 18) wird Gott darauf hinweisen, dass da noch siebentausend andere sind, die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben und mit denen er später einen neuen Anfang machen wird; Paulus greift das in Röm. 11:2–4 auf, um die Treue Gottes aufzuzeigen. – Andererseits muss sich das religiöse Klima seit dem einhelligen „Jahwe ist Gott“ (Kap. 18:39) wirklich drastisch verändert haben.

In diesem Umfeld spielen dann unsere drei miteinander zusammenhängenden Geschichten:

Die ersten beiden Geschichten, auf die wir uns jetzt konzentrieren wollen, erinnern in vielfacher Weise an andere Geschichten der Bibel. An derselben Stelle, wo sich Elia zum Sterben hinlegt, in der Wüste bei Beerscheba, hatte Hagar ihren und Abrahams Sohn Ismael aufgegeben, und auch diese beiden wurden von einem Engel gerettet (Gen. 21:14–19). Das Thema vom restlos demoralisierten Propheten, der nicht nur seinen Auftrag loswerden, sondern gleich selbst sterben will, kommt auch öfters vor: Mose (Num. 11:15), Jeremia (Jer. 20:14–18), Jona (Jona 4:3); mit allen diesen führt Gott seine Geschichte trotzdem weiter. Selbst Jesus war nicht weit davon entfernt aufzugeben, wenngleich er im Gehorsam zu seinem Auftrag blieb; auch ihn rüstete ein Engel mit neuer Kraft aus (Luk. 22:42–43).

Nach der Begegnung mit dem Engel sind bei Elia vor allem die Parallelen zu Mose unübersehbar. Elia begibt sich zum Berg Horeb, wo Mose Gott begegnet war, und nur in diesen beiden Zusammenhängen kommt der Name Horeb in der Bibel vor. Elia ist 40 Tage ohne Brot und Wasser unterwegs, ebenso lange wie Mose ebenfalls fastend auf dem Berg war (Deut. 9:9) – oder später Jesus allein in der Wüste (Mt. 4:1–11). Mose und Elia erscheinen im Neuen Testament zusammen mit Jesus bei der Verklärung (Luk. 9:28–36), was die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen weiter unterstreicht.

Sehr verschieden ist zwischen den beiden der gesamte Ablauf der Gottesbegegnung: bei Mose im Rahmen des Bundesschlusses mit ganz Israel mehrere Aufstiege auf den Berg mit und ohne Zeugen (Ex. 19 und 24, nach dem Goldenen Kalb erneut Ex. 33 und 34), bei Elia dagegen die Begegnung Gottes mit einem Einzelnen, die vielleicht ein paar Stunden gedauert haben kann. Der Anfang ist aber derselbe: die Erscheinung Gottes geht mit Unwetter, Feuer und Erdbeben einher (Ex. 19:16–19). Dabei ist in der Elia-Geschichte sprachlich nicht ganz klar, ob Sturm, Erdbeben und Feuer zur Gotteserscheinung dazugehören oder ihr nur vorausgehen, je nachdem, ob der Teilsatz, dass Jahwe vorüberzieht (Mitte von Vers 11), noch zur Ankündigung des Engels gehört (wie bei Luther) oder zum Folgenden (also „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm …“ wie in der Einheitsübersetzung). Jedenfalls sind Sturm, Erdbeben und Feuer ganz sicher nicht das Eigentliche.

Und das Ende der Erscheinung ist bei Mose und Elia zwar verschieden, aber doch mit manchen Gemeinsamkeiten: die Gegenwart Gottes zeigt sich letztlich nicht im Aufruhr der Naturgewalten, sondern ganz anders, und zwar so, dass Mose und Elia jeweils in einer Felsspalte (Ex. 33:22) oder Höhle (Vers 13) vor dem geschützt werden müssen, was da geschieht, und erst danach ins Freie treten, auch wenn Elia schon vorher dazu aufgefordert war.

Was es nun war, woran Elia die Gegenwart Gottes erkannte, so dass er sein Gesicht verhüllte, ist nur angedeutet: „eine Stimme eines feinen Schweigens“; eine ähnliche Formulierung gibt es nur noch im Buch Hiob: „was ich hörte, war Schweigen und Stimme“ (Hiob 4:16; Übers. Buber/Rosenzweig). Einige deutsche Übersetzer haben daraus ein „sanftes Säuseln“ gemacht, englische ein „leises Flüstern“ – Bilder, die hilfreich oder irreführend sein können. Es steht jedenfalls nichts da, was eindeutig ein Luftzug, ein Atem oder ein Hauch wäre, und der Sturmwind (dasselbe Wort ruach, das im Hebräischen auch „Geist“ bedeuten kann) war ja schon vorbeigezogen, ohne dass Gott darin gewesen wäre. War die nach dem Wüten der Naturgewalten eingetretene Stille entspannt, wie es das Wort „sanft“ nahelegt, oder doch knisternd spannungsgeladen? Dem Elifas an der eben genannten Hiob-Stelle stehen die Haare zu Berge, und auch Elias Reaktion zeigt, dass „sanft“ sicher nicht „harmlos“, „lauschig“ oder „wohlig“ bedeutet; der anschließende mitleidlose Auftrag würde auch nicht dazu passen.

Fragen an den Text und an uns

Um herauszufinden, was der Text damals bedeutet hat und für uns heute bedeuten kann, werden hier einige Fragen gestellt. Man kann sich einen oder zwei der Themenabschnitte für das eigene Nachdenken oder für ein Gespräch in der Gruppe auswählen.

Elias Depression

Elia hatte vorher schon Durststrecken erlebt – auch ganz wörtlich am vertrocknenden Bach (Kap. 17:7), und er hat da stets Gottes rettende Gegenwart erlebt bis hin zu einigen Wundern. Am Karmel feierte er einen Triumph über seine und Gottes Feinde. Wir fragen uns, wieso das ganze Gottvertrauen mit einem Schlag zu Ende ist. Die Rettung aber kommt dann unerwartet und unerbeten.

Elias Lagebericht

Elia wird am Horeb zweimal dasselbe gefragt: „Was machst du hier, Elia?“, und gibt zweimal wörtlich dieselbe Antwort. Eine Reaktion auf die Antwort gibt es beidemale nicht, weder Trost noch Kritik, sondern jeweils nur die nächste Anweisung.

Eifern für Gott

Wenn Elia sagt, er habe mit Leidenschaft für den Herrn, den Gott der Heere, geeifert, und damit auch die Tötung von Hunderten Priester der fremden Götter meint, weckt das in uns sehr gemischte Gefühle, gerade wenn wir an die öfters auch blutige Kirchengeschichte denken oder an die vielen Christen, die in unseren Tagen Opfer von religiös motivierter Gewalt werden. Andererseits gibt es im Alten Testament neben der Aussage, dass Gott ein eifernder Gott ist (Ex. 20:5) auch Passagen, in denen selbst gewaltsames Eifern für Gott gutgeheißen wird (etwa recht krass Num. 25:10–12). Im Fall des Elia erfahren wir nicht, wie Gott die – von ihm nicht ausdrücklich angeordnete – Tötung der Baalspropheten beurteilt, weder dort, wo sie geschieht noch dort, wo Elia in unserem Text darauf anspielt.

Gottesbild und Gottesbegegnung

Eine mögliche Auslegung der vier Erscheinungen, von denen Gott nur in der letzten erfahren wird, ist die, dass darin verschiedene Religionsformen dargestellt werden, wie Menschen über Gott denken und was sie von ihm erwarten – und dass er am Ende ganz anders ist. Ein Beispiel einer solchen Auslegung findet man im Vortrag „Ende der Erfolgsstory – auf der Schattenseite des Lebens“ von Georg Schützler. Es mag jeder selbst prüfen, was er davon gelten lassen will – man muss diese Auslegung ja nicht ganz übernehmen oder ganz ablehnen; eine Anregung ist sie auf jeden Fall. Hier ein paar mit »…« gekennzeichnete Zitate daraus: Gott kann wie der Sturm als allmächtig, erdrückend oder zerstörerisch empfunden werden, oder man vergöttlicht die »Energien, die aus der Tiefe kommend das Leben erschüttern oder gar zerstören können« wie ein Erdbeben, oder man pflegt eine Religion des menschlichen Individualismus. Dagegen steht dann eine Gotteserfahrung, bei der »die ganze religiöse Großgeschwätzigkeit und Vielgeschwätzigkeit zu Ende« ist. »Keine Bilder, auch keine Gottesbilder, herrschen mehr am Seelenhimmel, keine Texte und Zitate, keine Lehrbücher. Die Seele wird leer, leer für den Anhauch Gottes, für den Hauch, der die Seele lebendig macht und zum Klingen bringt.«

Eine letzte Frage