ArtikelDer Weg ist das Ziel
VerfasserHelmut Richter
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Der Weg ist das Ziel

Letzte Woche traf ich Udo in meiner Stammkneipe. Udo hält sich mehr in der virtuellen als in der realen Welt auf. Sicher hat er sich schon den neuen WWW-Server vom LRZ angeschaut. Auf sein fachmännisches Urteil war ich gespannt.

„Na, schon mal in unsern neuen Server reingeschaut?“, fragte ich.

„Absolut beschissen; total öd; kommt absolut nichts rüber“, schimpfte er los, „mußt mal Uni Las Vegas anschauen, die haben schon HTML 17.3 im Einsatz, kommt erst Ende 1998 raus. Die hams kapiert: Der Wechsel ist der Fortschritt.“

„Und was ist so toll an HTML 17.3?“, wollte ich wissen.

„Ausgabe auf Hirnelektroden zum Beispiel, brauchst aber Sumatra 3.5 dazu, Java tut nicht. Okay, läßt dir einfach die Gedanken von wem überspielen, brauchst nicht mehr selber denken. Am LRZ, da mußt du ja sogar noch lesen. Total out. Voll das Mittelalter. Ihr müßt endlich verstehen: Das Virtuelle ist die Realität.“

„Du meinst, das was wir mitteilen wollen, kommt gar nicht rüber?“

„Erraten. Was wollt ihr schon mitteilen? Ist ja auch egal. Das Medium ist die Botschaft.“

Ich mußte erstmal schlucken. Da sitzen wir monatelang rum und überlegen uns, wie wir Informationen anbieten können, und dann solls darauf überhaupt nicht ankommen. Ich versuchte es noch einmal:

„Also, da ist zum Beispiel unsere Service-Seite, wo drauf steht was wir anbieten.“

„So'n Quatsch. Wenn Ihr was anbietet, dann euch, eure Corporate Identity, euer Image. Was ihr macht, ist doch scheißegal, Hauptsache, euer Logo ist drauf. Schau zum Beispiel mein Designer-Hemd an, von Ranandi Buletti. Ohne Logo könnts genausogut vom Aldi sein. Das Image ist der Service.“

Na, endlich ein Punkt, wo wir voll da sind, das Logo. Ich tastete mich ran:

„Gefällt dir das Logo wenigstens?“

„Geht schon, bis auf die Farben. Gelb-schwarz wie München oder wie die Bonner Koalition. Ätzend. Das Logo auf dem alten Server hatte eine Aussage: die gleichen Farben wie auf der Aspirin-Packung. LRZ wie Kopfschmerzen. Sowas kommt an. Das Logo ist das Image.“

Irgendwie gefiel mir die Richtung nicht, die das Gespräch nahm. Ich machte einen neuen Versuch:

„Eigentlich haben wir den Server neu gemacht, damit man leichter was findet.“

„Finden. Ankommen. Ziele: Wörter für geistige Rentner. Suchen ist angesagt, nicht finden. Suchmaschinen sind in. Schon mal was von Findemaschinen gehört? Na also. Der Weg ist das Ziel.“

Mir fiel nichts mehr ein. Gedankenverloren stierte ich in das Weinglas vor mir. Es sah irgendwie verlockend aus, wie sich das Licht in der klaren Flüssigkeit brach. Gut schmecken tat er zwar nicht, der Wein, aber dann dachte ich bei mir, daß das eigentlich nichts macht. Vielleicht ist ja das Glas der Wein.

Udo verabschiedete sich.

„Einen schönen Gruß an Monika!“, rief ich ihm nach.

„Monika ist out.“, sagte er, „Sie ist überhaupt nicht mehr mein Typ, seitdem sie einen anderen Stylisten hat. Der Style ist die Person.“

„Mensch, das ist ja traurig. Ihr hattet euch doch so geliebt.“

„Da hat auch irgendwann die Chemie nicht mehr gestimmt. Versteh: die Chemie ist die Liebe.“

Dann zog er seine Pudelmütze auf seinen Kopf und war auch schon draußen. Ich zahlte und ging auch.

Draußen rutschte ich auf einer Bananenschale aus. Mann, tat das weh! Ich hatte mir wohl den Knöchel gebrochen. Der Krankenwagen war schnell da. Auf der Fahrt ins Krankenhaus ging mir alles noch einmal durch den Kopf. Die blöde Bananenschale! Die Schale ist die Banane. Mitten auf dem Weg! Der Weg ist das Ziel. Die Schale ist der Weg. Der Kern ist die Schale. Der Pudel ist der Kern. Die Mütze ist der Pudel – nein der Kopf. Der Kopf sind die Schmerzen. Die Schmerzen sind das Bein. Irgendwie war ich leicht verwirrt.

„Die Operation ist 1a gelungen“, sagte der Arzt, „wir haben Ihr Bein hingestylt, wie es sonst keiner hat. Das absolute Design. Mit so einem Bein sind Sie wer.“

„Werde ich wieder laufen können?“, fragte ich.

Der Arzt schaute mich entgeistert an. Sowas hatte ihn schon lange keiner mehr gefragt.