ArtikelDas Problem des Weizsäckers, unter besonderer Berücksichtigung des Weizensackes
VerfasserHelmut Richter
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Das Problem des Weizsäckers, unter besonderer Berücksichtigung des Weizensackes

I. Der Weizensack

Wir können bei der Behandlung dieses Problems von verschiedenen Ausgangspunkten ausgehen:

  1. vom Begiff der Ursache bei Aristoteles
  2. von einer kritischen Untersuchung im Sinne der heutigen Wissenschaft.

Ad 1. Aristoteles unterscheidet vier Ursachen: die causa materialis, formalis, efficiens und finalis. Beim Weizensack verhält es sich nun folgendermaßen: Die causa materialis ist der Stoff, aus dem er angefertigt ist, die causa formalis ist die Form, in die ihn der gebracht hat, der ihn gemacht hat, die causa efficiens ist der Vorgang, der ihn aus seinem Material in seine Form gebracht hat und die causa finalis ist der Zweck, zu dem er gemacht ist. Während die beiden ersten causae heute wegen ihrer Immanenz im Wesen des Weizensackes nicht als Ursachen mehr anerkannt werden, trifft dieser Begriff für die causa efficiens und die causa finalis zu.

Die Frage nach der causa efficiens ist die Frage nach der unmittelbaren Existenz seines Wesens. Die causa efficiens macht aus präexistentem Stoff und der virtuellen Form die Realität des Sackes, der Sack entsteht. Die Frage nach der causa finalis ist die Frage nach der Justifikation seines Wesens und seiner Existenz überhaupt. Die causa finalis macht aus dem Sack den Weizensack. Dieser Vorgang ist nicht zeitlich zu denken, denn die virtuelle Idee umfaßt auch den Zweck; der Faktor oder aber sein Inspirant hat den Weizensack justifiziert, bevor er seiend war.

Hier stehen wir am Problem: der Sack war schon Weizensack, ehe er gemacht, also seiend war. Das schließt die Möglichkeit eines Mißbrauchs nicht aus, nicht einmal die eines Mißbrauchs, die seinen weiteren Gebrauch vereitelt (etwa als Brennmaterial). Die causae lassen sich nicht mehr rückgängig machen, denn sie sind der Ursprung (arche) seines Seins.

Ad 2. Die heutige Wissenschaft beschäftigt sich nicht mit der Idee und dem Ursprung; in ihrer Plattheit beschränkt sie sich auf das Seiende. Solange dem Weizensack die Weizeneigenschaft nicht anzusehen ist, etwa durch Inhalt oder Aufschrift, solange weigert sie sich, ihn als Weizensack anzuerkennen. So verliert auch ein Weizensack durch fortgesetzten oder einmaligen Mißbrauch seine Eigenschaft, Weizen enthalten zu sollen.

Die Behandlung des Problems stößt hier auf einen Widerspruch, der in der Definition des Weizensackes liegt. Nach Aristoteles ist ein Weizensack ein Sack, dessen causa finalis es ist, Weizen zu enthalten; in der Definition der heutigen Wissenschaft dagegen ein Sack, der dem Zwecke der Aufbewahrung und des Transportes von Weizen dient. Aus den Definitionen folgt die unterschiedliche Lösung des Problems.

II. Der Weizsäcker

Der Weizsäcker ist der Mann, der den Weizen in Säcke füllt. Ihn interessiert dabei nicht die causa finalis des Sackes, sondern seine Verwendbarkeit, die für ihn seine effektive Verwendung impliziert. Er steht damit auf dem Boden der modernen Wissenschaft.

Im Zusammenhang mit der Behandlung des Problems des Weizensackes steht also fest, daß die Säcke, in die der Weizsäcker den Weizen füllt, für ihn erst durch diese Verwendung zu Weizensäcken werden. Für die Behandlung des Problems, ob er sich also Weizsäcker nennen darf, ist diese Frage aus zwei Gründen von untergeordneter Bedeutung:

Zum einen bekommt es der Weizsäcker vornehmlich mit Säcken zu tun, die sowohl nach der causa finalis als auch nach der effektiven Verwendung als Kriterium der modernen Wissenschaft Weizensäcke sind.

Zum anderen besagt der Name Weizsäcker nicht unbedingt, daß er Weizensäcke verwendet, sondern nur daß er Weizen in Säcke füllt. Daß er dazu vornehmlich Weizensäcke verwendet hat, ist anzunehmen, sonst würde er wohl etwa Kohlweizsäcker oder Weizkohlsäcker genannt werden. Zur Behandlung des Problems tut dies jedoch nichts zur Sache.

Als Ergebnis dürfen wir feststellen: sowohl der Ur-Weizsäcker als auch sein Nachfahre Carl Friedrich von dürfen sich weiter ihres Namens erfreuen. Wir hoffen, damit dem bedeutenden Physiker und Philosophen einen Dienst erwiesen zu haben.

Verwendete Literatur

C. F. v. Weizsäcker, Zum Weltbild der Physik, 10.Aufl., Stgt. 1963.