ArtikelDie Swahili-Fibel
VerfasserHelmut Richter
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Kapitel4. Umstände, Verhältnisse, Abhängigkeiten
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enthältFortsetzung des Kapitels

Sein und Haben, Sosein, Dasein und Dortsein

Die Swahili-Wörter, die dem deutschen Wort sein entsprechen, wurden schon am Ende des zweites Kapitels zusammengestellt. Ein paar Einzelheiten, die dort nur verwirrt hätten, werden nun noch nachgeliefert, darunter auch die Swahili-Entsprechung des deutschen Wortes haben; im Anschluss daran wird die Auflistung des fünf Fälle aus dem zweiten Kapitel genauer und vervollständigt wiederholt.

Etwas, jemand oder irgendwie sein

Zur Gegenwart: Bei anderen Verben gibt es einen Unterschied zwischen der unbestimmten Zeit (Zeitsilbe -a-), die einen dauernden Zustand ausdrückt und der bestimmten Gegenwart (Zeitsilbe -na-), die wie die englischen Verlaufsform eine aktuelle Handlung ausdrückt. Im Prinzip ist das beim Wort sein genauso: ni als Wort für ist/sind/bist/… bezeichnet ein andauerndes Sein, die Subjektsilbe allein, also yu/wa/i/ki/… eher ein aktuelles oder vorübergehendes. Aber das wird in der Praxis oft nicht unterschieden: ni wird sehr viel häufiger verwendet. (Die Unterscheidung zwischen unbestimmter und bestimmter Gegenwart ist übrigens auch bei anderen Verben nicht immer lehrbuchgemäß: je mehr etwas ein fester Ausdruck ist, desto eher wird Zeitsilbe -a- verwendet, ob sie theoretisch passt oder nicht.)

Dort sein, irgendwo sein, drin sein

Einige der Verbformen, die Formen des deutschen Verbs sein entsprechen, bekommen immer dann eine zusätzliche Silbe -po, -ko oder -mo ans Wortende angehängt, wenn es um das Sein an einem Ort geht, d.h. wenn man im Deutschen sein durch sich befinden ersetzen könnte. Es ist nun sicher keine Überraschung, dass wie bei den Relativsilben -po für einen bestimmten Ort, -ko für einen unbestimmten Ort und -mo- für das Innere von etwas verwendet wird. Beispiel: Kitabu kiko wapi? – Kimo katika sanduku. (Das Buch ist [unbestimmt] wo? – Es ist [drin] in der Kiste.) Wie das mit Ortsangaben kombiniert wird, kommt weiter unten unter „Ortsangaben“ genauer.

Diese Formen können auch ohne eine konkrete Ortsangabe verwendet werden, z.B. ziko (es gibt welche), nimo (ich bin drin), Upo umeme? – Haupo. (Gibt es [hier jetzt] Strom? – Es gibt keinen.) Die letzte Verwendung ist vor allem passend, wenn nicht nach der Existenz, sondern nach der augenblicklichen Verfügbarkeit gefragt ist. Für das deutsche es gibt gibt es noch eine andere, häufiger verwendete Form, die im nächsten Abschnitt erläutert wird.

Haben

Das deutsche Wort haben wird in Swahili durch sein mit umschrieben, wobei mit als na wiedergegeben wird. Anders als das deutsche Wort haben ist dieser Ausdruck in der Bedeutung ziemlich symmetrisch – er deutet keinen Besitz an, sondern nur eine enge Verbindung: nicht nur ein Mensch hat ein Werkzeug, sondern das Werkzeug „hat“ auch den Menschen, der es benutzt.

Die Form ni als Verbform von sein für alle Lebewesen und Sachen in Singular und Plural lässt sich nicht mit na kombinieren. Vielmehr muss dazu die passende Subjektsilbe allein verwendet werden, wobei die Ausnahme in der 3. Person der Klasse 1, nämlich yu statt a, nicht gemacht wird. An diese Formen wird na unmittelbar angehängt, also für Personen nina, una, ana, tuna, mna, wana mit den Verneinungen sina, huna, hana, hatuna, hamna, hawana sowie für Sachen entsprechend una, ina, lina, yana, zina, … jeweils mit ha- als unveränderlicher Verneinungssilbe.

Mit den Präfixen der Klassen 16/17/18 wird dasselbe entweder für Substantive dieser Klassen verwendet – die werden allerdings erst weiter unten eingeführt – oder aber ohne Substantiv in der Bedeutung es gibt, abermals nach „bestimmt/hier“, „unbestimmt/irgendwo“ oder „drin“ unterschieden, also: [ha]pana (es gibt hier [nicht]), [ha]kuna (es gibt [nicht]), [ha]mna (es gibt darin [nicht]). Klingt erst einmal ungewohnt, ist aber kein Problem: hamna shida, hakuna tatizo oder, vor allem für Freunde des „Königs der Löwen“, hakuna matata.

Die Verbformen von sein mit Relativsilben und alle Verbformen, in denen wa als Verbstamm auftritt, können auch mit na kombiniert werden, wobei da aber na ein eigenes Wort bleibt, z.B. alikuwa na (er hatte), tungalikuwa na (wir hätten gehabt), wasio na (die nicht haben).

Die Verbindung von na mit einem Pronomen ist schon beschrieben worden; sie findet unabhängig davon statt, ob na mit einer Subjektsilbe verbunden ist: tunacho (wir haben es), tulikuwa nacho (wir hatten es). Bezieht sich die Relativsilbe auf das Objekt von haben, so wird sie an beide Wörter gehängt, z.B. kiti ulicho nacho (der Stuhl, den du hast; wörtlich: der Stuhl, den du bist mit ihm). Das erste -cho hat also eher die Funktion eines Relativpronomens und das zweite die eines Personal­pronomens, aber darüber muss man ja nicht jedesmal nachdenken.

Schließlich gibt es noch die Formen mit -enye (habend); sie sind in der Bedeutung gleich mit Relativausdrücken: mwenye = aliye na (der/welcher hat), chenye = kilicho na (das/welches hat). Dafür gibt es keine Verneinung; man muss also im verneinten Fall Relativausdrücke verwenden: asiye na (der/welcher nicht hat), kisicho na (das/welches nicht hat).

Regeln für Sein und Haben, diesmal vollständig

Hier werden die Regeln für sein aus dem zweiten Kapitel wiederholt, vor allem um die Nachsilben -po/-ko/-mo (für sein an einem Ort), die Nachsilbe -na oder das Wort na (beide für haben – man beachte den feinen Unterschied) ergänzt, sowie um ein paar Sonderfälle, die bis jetzt noch nicht dokumentiert waren.

  1. Bei Sätzen in unbestimmter Zeit – das ist der häufigste Fall wenn im Deutschen sein in der Gegenwart verwendet wird – kann das Wort ni als Verbform von sein für alle Lebewesen und Sachen in Singular und Plural dienen, was natürlich extrem praktisch ist. Die Verneinung davon heißt si statt ni. Ist kein Substantiv oder Pronomen als Subjekt angegeben, so bezieht sich ni oder si auf das, wovon vorher die Rede war. Diese Formen können weder mit na (für haben) noch mit -po/-ko/-mo (für sein an einem Ort) kombiniert werden.

  2. Alternativ dazu kann man auch die passende Subjektsilbe allein, also ganz ohne Verbstamm, verwenden. Diese Formen können sowohl mit -na (für haben) als auch mit -po/-ko/-mo (für sein an einem Ort) kombiniert werden. Diese Variante wird vor allem zur Bildung von Formen mit diesen Nachsilben verwendet, andernfalls ist sie selten. In der dritten Person Singular für Lebewesen wird die Subjektsilbe yu statt a verwendet, außer wenn -na angehängt wird. Die Verneinung zu diesen Formen (ha- davor mit den üblichen Anpassungen in Klasse 1) gibt es überhaupt nur, wenn noch eine weitere Silbe folgt.

  3. Es gibt spezielle Formen für ich bin es usw.: sie bestehen für Lebewesen aus der Silbe ndi- und der zweiten Silbe des selbständigen Personal­pronomens, sonst aus der Silbe ndi- und der zuständigen Relativsilbe. Die Verneinung davon wird gebildet, indem ndi- durch si- ersetzt wird.

  4. Relativbezüge in unbestimmter Zeit baut man mit dem Stamm li, also Subjektsilbe+li+Relativsilbe. Bei der Verneinung fällt li auch noch weg, also Subjektsilbe+si+Relativsilbe. Diese Formen können sowohl mit na (für haben) als auch mit -po/-ko/-mo (für sein an einem Ort) kombiniert werden. In Klasse 1 kann ohne Bedeutungs­unterschied auch die Relativsilbe -o- statt -ye- verwendet werden, wenn -po/-ko/-mo folgt.

  5. Alle anderen Formen bildet man ganz regelmäßig, wobei man den Verbstamm wa zugrundelegt; auch diese Formen können sowohl mit na (für haben) als auch mit -po/-ko/-mo (für sein an einem Ort) kombiniert werden. Wenn -po/-ko/-mo folgt, kann statt des Verbstamms wa die alternative Form we verwendet werden.

Bei einigen Adjektiven wird statt ni und si nach Punkt 1 gerne eine Form nach Punkt 2 mit der Endung -ko verwendet, als ginge es um einen unbestimmten Ort. Andere Zeiten und Formen von sein machen diese Ausnahme aber nicht mit. Die wichtigsten solchen Adjektive sind: tayari (bereit), wazi (offen), uchi (nackt), macho (wach) sowie manchmal imara (standhaft) und peke y… (allein). Beispiel: hamko tayari (ihr seid nicht bereit).

Ortsangaben und ihre Klassen

An ein paar Stellen kamen schon die Klassen 16/17/18 für Ortsangaben vor: in den Klassentabellen und als Nachsilben -po, -ko und -mo als Relativsilben oder zur Kennzeichnung, dass es um das Sein an einem Ort geht. Nur Substantive in diesen drei Klassen gab es bis jetzt keine, und damit auch keine Verwendung für Subjekt- und Objektpräfixe. Das Geheimnis um solche Substantive wird jetzt gelüftet.

Immer, wenn ein Substantiv ohne Präposition in einem Zusammenhang verwendet wird, in dem es einen Ort bezeichnet, erhält es das Suffix -ni; das Resultat ist dann ein Substantiv in den Klassen 16/17/18, das ohne Präposition als Ortsangabe dienen kann. Man hätte also oben statt kimo katika sanduku auch kimo sandukuni sagen können; oder, um den Effekt der Klasse auf ein nachfolgendes Possessivpronomen zu demonstrieren: entweder kimo katika sanduku langu oder aber kimo sandukuni mwangu. Es wird also immer eine und nur eine der beiden Möglichkeiten verwendet, aus einem Substantiv eine Ortsangabe zu machen: entweder mit einer Präposition oder mit dem Suffix -ni. In vielen Fällen ist es egal, welche Variante man benutzt; wenn aber ein Relativsatz folgt, kommt es darauf an, worauf er sich bezieht: katika kibanda alichokijenga (in der Hütte, die er gebaut hat) ist in Ordnung; dieselbe Bedeutung lässt sich aber nicht ausdrücken, indem man mit kibandani alimo… (in der Hütte, in der er …) beginnt.

Das Wort mahali (Ort) ist das einzige, das schon ohne Suffix -ni in den Ortsklassen liegt; außerdem werden Himmelrichtungen manchmal so verwendet, z.B. kaskazini mwa (im Norden von). Keinem Substantiv in den Ortsklassen sieht man an, in welcher der drei Ortsklassen es liegt; das merkt man erst an weiteren Wörtern wie Adjektiven oder Pronomen, die dazutreten oder an Verbpräfixen in den Fällen, in denen ein solches Wort Subjekt oder Objekt eines Verbs ist.

Das Suffix -ni wird nicht für Eigennamen, etwa für Ortsnamen, verwendet und auch nicht für Substantive, die Personen bezeichnen. Es tritt auf für konkrete Dinge und für Abstrakta, die Situationen bezeichnen: mezani (Ort am/auf dem Tisch), sandukuni (Ort an/in der Kiste), barabarani (Ort auf der Straße), njiani (Ort auf dem Weg; unterwegs), nyumbani (Ort beim/im Haus; zu Hause), safarini (auf der Reise), kazini (bei der Arbeit). Im einzelnen gibt es folgende Weisen, Orte zu bezeichnen:

In den meisten Beispielen hier wurden die Formen mit -ni gar nicht wie Substantive behandelt, sondern eher wie Adverbien – das ist auch der häufigere Gebrauch. Sie sind aber Substantive und können auch so verwendet werden: sokoni palikuwa na watu wengi (der Ort am Markt hatte viele Menschen = am Markt waren viele Menschen), mama wa nyumbani (Frau des Ortes im Haus = Hausfrau), simu ya mkononi (Telefon des Ortes in der Hand = Handy).