ArtikelDie Swahili-Fibel
VerfasserHelmut Richter
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Kapitel2. Verben: aus dem Silbenbaukasten
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Verben: aus dem Silbenbaukasten

Jetzt gehts mit der Grammatik richtig los. Es wird erklärt, wie die Verbformen in Swahili aufgebaut sind, bei denen die Grammatik in den vielen Vorsilben steckt, die man vor das Verb setzen kann. Das ist das mühsamste Kapitel, aber auch das lohnendste: danach hat man bereits eine Chance, einen Text mit Hilfe eines Wörterbuchs zu entziffern.

Das Prinzip

Im letzten Kapitel war als Eigenschaft der Verbkonjugation in Swahili genannt worden, dass die verschiedenen grammatikalischen Eigenschaften (Person, Zeit, usw.) unabhängig voneinander als Silben am unveränderten Wortstamm angebracht werden. Machen wir nun dieses Beispiel konkret: ich lese heißt auf Swahili ninasoma, er liest heißt anasoma, ich las heißt nilisoma. Wir können nun schließen, was er las auf Swahili heißt: offenbar bezeichnet die erste Silbe die Person und die zweite die Zeit, also lautet die Lösung alisoma. Ganz einfach.

Wie brauchen also nicht mehr für alle Zeiten die Formen für alle Personen zu lernen, sondern nur die Silben für die Subjekte (ich, du, er/sie, wir, ihr, sie) sowie die Silben für die Zeiten (-li- für Vergangenheit, -na- für Gegenwart, -ta- für Zukunft sowie eine Reihe weiterer, die unten aufgezählt werden). Gibt es ein Objekt, kommt das auch noch hinein, und zwar immer direkt vor den Verbstamm. Das einzige, was wir wissen müssen, ist, welche Silben für die verschiedenen Personen stehen, wenn sie als Subjekte oder Objekte auftreten. In der folgenden kleinen Tabelle stehen sie in den ersten beiden Zeilen; die anderen Zeilen brauchen wir erst später.

Personalpräfixe und -pronomen
ichduer/sieeswirihrsie
Subjektsilbeniuai, …tum(w)wa
Objektsilbenikum(w)i, …tuwawa
ha+Subjektsilbesihuhahai, …hatuham(w)hawa
Subjektsilbe+anawaaya, …twamwawa
Relativsilbeyeyeyeyo, …ooo
Possessivpronomen-angu-ako-ake-ake-etu-enu-ao
Personalpronomenmimiweweyeye sisininyiwao
und/auch ich, …naminawenayenayo, …nasinanyinao
ich bin es, du bist es, …ndimindiwendiyendiyo, …ndisindinyindio

Die Tabelle ist nur für Lebewesen, also Personen und Tiere, vollständig. Treten Pflanzen, Sachen oder abstrakte Begriffe als Subjekte oder Objekte auf, so gibt es für sie ein knappes Dutzend anderer Subjekt- und Objektsilben; das kommt aber erst im nächsten Kapitel. Nur damit man nicht vergisst, dass da etwas fehlt, ist in der Mitte eine Spalte „es“ eingefügt mit einem Beispiel (daher auch die Auslassungspunkte) zusammengehöriger Subjekt- und Objektsilben.

Das eingeklammerte (w) in der Tabelle bedeutet, dass bei diesen Silben -m- durch -mw- ersetzt wird, wenn ein Vokal folgt. Außerdem gibt es noch die Objektsilbe -ji- für mich/sich/… selbst; das Wort jifunza (lernen) in der Vokabeltabelle ist also eigentlich gar kein eigenständiges Verb, sondern funza (lehren) mit der Objektsilbe -ji-, so dass es genauer sich lehren bedeutet.

Jetzt können wir schon eine Menge Sätze bilden, die jeweils aus einem einzigen Wort bestehen. Kennen wir beispielsweise das Wort ona (sehen), dann können wir sofort tulimwona (wir sahen ihn/sie), wananiona (sie sehen mich), mtatuona (ihr werdet uns sehen), anajiona (er/sie sieht sich) und über hundert andere bilden. Man kann noch viel mehr in die Verbform hineinpacken wie etwa bei usingalimwona (du hättest ihn nicht gesehen), aber das kommt erst weiter unten – alles der Reihe nach.

Natürlich gibt es auch Sätze, bei denen Subjekt oder Objekt keine Pronomen, sondern Substantive oder Namen sind. Die Wortstellung ist dann Subjekt–Verb–Objekt, außer in manchen Relativsätzen. Auch dann, wenn man ein gesondert angegebenes Subjekt hat, braucht man trotzdem die Subjektsilbe beim Verb, also mtu aliniona (jemand sah mich). Dagegen braucht man die Objektsilbe nur, wenn man ein bestimmtes Objekt meint, also niliona watoto (ich sah Kinder) aber niliwaona watoto (ich sah die Kinder). Dort, wo im Deutschen Personal­pronomen stehen, kommt man in Swahili ohne aus, weil sie ja schon im Verb enthalten sind; man kann sie aber zur Verdeutlichung oder Betonung als eigenständige Wörter dazufügen, z.B. nilikuona wewe (ich sah dich). Diese selbständigen Personal­pronomen stehen in der Tabelle oben in der drittletzten Zeile; sie sehen als Subjekt und Objekt gleich aus. Da die Objektsilbe -wa- zweideutig ist, nämlich euch oder sie bedeuten kann, wird das explizite Objekt ninyi (euch) oft angefügt, wenn sonst nicht ganz klar ist, wer gemeint ist; meistens wird es dann mit dem Verb zusammengezogen und bildet die Endung -eni, z.B. ninawaoneni als Abkürzung von ninawaona ninyi (ich sehe euch).

Die Vorsilben für Subjekt, Zeit und Objekt sind aber noch nicht alle: mit einer weiteren Vorsilbe kann man den Satz von einem Hauptsatz in einen Relativsatz verwandeln, z.B. wird aus mtu aliniona (jemand sah mich) dann mtu aliyeniona (jemand, der mich sah). Die Silbe -ye- wollen wir deswegen eine Relativsilbe nennen. Fast alle Relativsilben enden mit einem -o, nur die Relativsilbe -ye- für Lebewesen in der Einzahl tut das nicht. Wie Relativsilben verwendet werden, wird weiter unten erklärt.

Schließlich wird auch noch die Verneinung des Satzes als zusätzliche Silbe vor das Verb gesetzt, und zwar in manchen Zeiten mit der Silbe ha- vor die Subjektsilbe und in anderen Zeiten mit der Silbe -si- hinter sie. In etwa der Hälfte der Fälle ändert sich dabei auch die Zeitsilbe, so dass man die verneinten Zeiten zusätzlich zu den anderen lernen muss: ein klitzekleines bisschen Unregelmäßigkeit darf doch sein, oder? Bei Lebewesen in der Einzahl verschmilzt die Vorsilbe ha- mit der darauffolgenden Subjektsilbe wie in der oberen Tabelle angegeben; bei Sachen und in der Mehrzahl geschieht das nicht.

In der folgenden Tabelle sind nun die möglichen Kombinationen der Vorsilben zusammengestellt. Dabei steht ein + für eine Silbe, die in dieser Kombination immer vorhanden sein muss und ein * für eine, die nur bei Bedarf verwendet wird. Kommt in der Erklärung „(auch verneint)“ vor, dann gelten die eingeklammerten Silben nur bei Verneinung – im Fall der beiden Konjunktivformen, bei denen es jeweils beide Verneinungssilben gibt, wird immer nur eine davon benutzt, meist -si- hinter der Subjektsilbe.

Muster für Verbformen
Neg1 Subj Neg2 Zeit Rel ku Obj Verb End Erklärung
ku *+ Infinitiv
kuto *+ Infinitiv, verneint
hu *+ Regelmäßigkeit
(si) *+a/e/eni Imperativ (auch verneint)
+(si) *+e Optativ (auch verneint)
+li* *+ Vergangenheit, abgeschlossen
ha+ku *+ Vergangenheit, verneint
+me *+ Vergangenheit, fortwirkend
ha+ja *+ Verneinung mit „noch nicht“
(ha)+(si)ngali *+ Verg., Konjunktiv (auch verneint)
+ka *+ Abfolge
+a *+ unbestimmte Zeit
+ *+Rel. unbestimmte Zeit mit Relativbezug
+si+ *+ unbest. Zeit mit Relativbezug, verneint
+na* *+ Gegenwart
ha+ *+i Gegenwart, verneint
+ki *+ Gleichzeitigkeit
+sipo *+ Gleichzeitigkeit, verneint
(ha)+(si)nge *+ Gegenw., Konjunktiv (auch verneint)
(ha)+ta *+ Zukunft (auch verneint)
+taka+ *+ Zukunft mit Relativbezug

Man beachte, dass nicht alle theoretisch möglichen Kombinationen wirklich vorkommen. Nicht für alle Zeiten gibt es passende Verneinungen, Relativsilben gibt es auch nur für einige der Zeiten, und die Kombination von Verneinungs- und Relativsilbe gibt es nur „zeitlos“. In einem späteren Abschnitt werden die vorkommenden Kombinationen noch einmal anders gruppiert, so dass man Gemeinsamkeiten und Unterschiede leichter erkennt.

Es ist klar, dass der Verbstamm selbst in jeder Zeile der Tabelle vorkommen muss, so dass in der Spalte „Verb“ überall ein + steht. Die meisten Verben enden mit -a, soweit sie nicht arabischen Ursprungs sind; dieses -a behalten sie in den meisten Zeiten. In der letzten Tabellenspalte mit den Endungen steht deswegen nur dann etwas, wenn in der jeweiligen Kombination eine Relativsilbe angehängt oder das -a durch eine andere Endung ersetzt wird. Endet das Verb nicht mit -a, so ändert sich in diesen Fällen die Endung nicht; lediglich die Relativsilbe oder die zusätzliche Endung -ni für die zweite Person Plural wird gegebenenfalls trotzdem angehängt.

Die mit „ku“ überschriebene Spalte bedarf auch einer Erklärung. Wo sich in ihr ein * befindet, teilt es seinen Platz mit dem * in der Spalte „Obj“ – damit soll ausgedrückt werden, dass immer nur höchstens eine der Spalten „ku“ und „Obj“ benutzt wird. Und zwar wird in diesen Fällen vor einen einsilbigen Verbstamm die Silbe -ku- eingefügt, wenn die Objektsilbe nicht vorhanden ist. Beispiele einsilbiger Verben sind la (essen), nywa (trinken) und ja (kommen); Verben mit zwei Vokalen wie zum Beispiel faa (taugen) sind natürlich nicht einsilbig. Als Ausnahmen verhalten sich aber enda (gehen) und isha (fertig sein) wie einsilbige Verben und werden gegebenenfalls zu kwenda bzw. kwisha (wegen des kw- siehe unten unter „Infinitiv“). Als Eselsbrücke kann man sich merken: die Kombinationen mit Einschieben von -ku- sind die, bei denen in der Wortmitte eine Relativsilbe steht, sowie sonst zufällig gerade diejenigen, die eine Zeitsilbe haben, die nicht mit dem Buchstaben j oder k beginnt.

Zur Entstehung der Verbformen

Nur für diejenigen, die es interessiert und die deswegen davon eher erleuchtet als verwirrt werden (die anderen mögen diesen Abschnitt überspringen):

Die eben beschriebene Zwischensilbe -ku- und die eigenartige Position der Relativsilbe manchmal in der Mitte und manchmal am Wortende sind nicht so mysteriös, wenn man sich die Entstehung der Zeitsilben aus Hilfsverben und Infinitiven vor Augen führt. Ganz analog zum englischen Ausdruck he will give wurde auch in Swahili für die Zukunft das Hilfsverb taka (wollen) verwendet. Man vergleiche und beachte dabei die Betonung:

Herkunft der Zeitsilben
ein-
silbig
ataka kupa (er will geben)  →  atakupa (er wird geben)
ataka kumpa (er will ihm geben)  →  atampa (er wird ihm geben)
atakaye kupa (er, der geben will)  →  atakayekupa (er, der geben wird)
atakaye kumpa (er, der ihm geben will)  →  atakayempa (er, der ihm geben wird)
Vokal-
anlaut
ataka kuona (er will sehen)  →  ataona (er wird sehen)
ataka kumwona (er will ihn sehen)  →  atamwona (er wird ihn sehen)
atakaye kuona (er, der sehen will)  →  atakayeona (er, der sehen wird)
atakaye kumwona (er, der ihn sehen will)  →  atakayemwona (er, der ihn sehen wird)
Konson.-
anlaut
ataka kupiga (er will schlagen)  →  atapiga (er wird schlagen)
ataka kumpiga (er will ihn schlagen)  →  atampiga (er wird ihn schlagen)
atakaye kupiga (er, der schlagen will)  →  atakayepiga (er, der schlagen wird)
atakaye kumpiga (er, der ihn schlagen will)  →  atakayempiga (er, der ihn schlagen wird)

Es sind also bei der Verschmelzung der beiden Wörter jeweils unbetonte Silben weggefallen. Das erklärt, warum die zweite Silbe von taka vor Relativsilben nicht weggefallen ist und warum sich das -ku- vom Infinitiv bei einigen Zeitstufen gerade bei einsilbigen Verben ohne Objektsilbe gehalten hat: an diesen Stellen sind diese Silben nämlich betont. Und auch die Position der Relativsilbe in der Mitte ist klar: sie war ursprünglich immer am Ende, nämlich des Hilfsverbs. Diese Zerlegung hilft auch bei der Betonung langer Verbformen: sie haben eine Nebenton auf der vorletzten Silbe der vorderen Hälfte; siehe auch den Balken in der Tabelle an der Nahtstelle.

Bei anderen Zeitstufen ist die Verschmelzung weiter fortgeschritten und die Fuge ist nicht mehr erkennbar – diese Formen haben dann auch nie eine Relativsilbe in der Wortmitte und die Zeitsilbe kann bei einsilbigen Verben die Betonung abbekommen.

Der Vorgang, dass Wörter zu Grammatikbausteinen werden – man nennt das „Grammatikalisierung“ – ist durchaus noch im Gang. Auch nach dem Verb isha (beenden, fertig sein) steht der Infinitiv eines mehrsilbigen Verbs oft ohne ku- am Anfang: nimekwisha fanya (ich habe schon gemacht, eigentlich: ich habe beendet zu machen). Das ist der erste Schritt, dass isha zu einer Vorsilbe mit rein grammatikalischer Funktion wird. Öfters findet man kontrahierte Formen mit -mesha-, z.B. ameshakufa als Kurzform von amekwisha kufa (sie ist schon gestorben). Vielleicht muss man -mesha- in ein paar Jahren unter die Zeitsilben aufnehmen; in der Tabelle steht es nicht, weil es schriftlich noch selten vorkommt. Weitere Silben, die auf dem Sprung in die Verbgrammatik sind, sind -japo- (von ijapo) mit der Bedeutung obwohl oder selbst wenn und -siku- (wie ha-ku-, aber mit der anderen Verneinungssilbe) mit der Bedeutung bevor.

Ein paar Beispiele

Wir analysieren jetzt vier der Wörter, die im letzten Absatz vorkamen, und ein paar weitere aus dem ersten Kapitel. Der Beispielsatz war Asiyekujua hakuthamini (Wer dich nicht kennt, schätzt dich nicht). Das erste Wort hat den Wortstamm jua (kennen), davor die Subjektsilbe a- (er/sie), die Verneinungssilbe -si-, die Relativsilbe -ye- und die Objektsilbe -ku-, bedeutet also er/sie, der/die dich nicht kennt. Das zweite Wort ist einfacher: es hat den Wortstamm thamini (schätzen), davor die Verneinungssilbe ha-, die damit zusammengezogene Subjektsilbe -a- (er/sie) und die Objektsilbe -ku-, bedeutet also er/sie schätzt dich nicht. Noch zwei Beispiele: mara iliyopita (das letzte Mal) kommt vom Verb pita (vorübergehen) und mara ijayo (das nächste Mal) vom Verb ja (kommen). Am übersichtlichsten macht man sich den Aufbau dieser vier Wörter klar, indem man sie in die Tabelle einträgt:

Beispiele für Verbpräfixe
Neg1 Subj Neg2 Zeit Rel ku Obj Verb End Übersetzung Erklärung
      ku     m pa   ihm/ihr [zu] geben Infinitiv
  a   ta   ku   pa   er/sie wird geben Zukunft
  a   taka ye     ona   er/sie, der/die sehen wird Zukunft mit Relativbezug
  a   taka ye   m piga   er/sie, der/die ihn/sie schlagen wird Zukunft mit Relativbezug
  a si   ye   ku jua   er/sie, der/die dich nicht kennt unbest. Zeit mit Relativbezug, verneint
h- a         ku thamini   er/sie schätzt dich nicht Gegenwart, verneint
  i   li yo     pita   es, das vorüberging Vergangenheit, abgeschlossen
  i           ja yo es, das kommt unbestimmte Zeit mit Relativbezug

Solche Tabelleneinträge werden in diesem Kapitel das Mittel der Wahl sein, um den Aufbau von Verbformen klarzumachen.

© Helmut Richter